Zum Ockenheimer Rod

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Dass Nikolaus Kirsch-Puricelli hinter „Ockenheimer Rod“ (ein ovales Gebiet im Nordosten des Ingelheimer Wald) einen Lesefehler (Ockenheim => Otterberg) vermutete1)Vgl. Erckmann, Gottfried: Der Binger Wald. Bingen: Pennrich 1930. S.44. Pfalz-Simmern setzte sich aus Ockenheimer Rod, Wäldchen „auf Reipoltskirch“, Erbacher Wald und Spitalkopf zusammen. führte ich schon vor ein paar Wochen aus. Warum ich einen Lesefehler für unwahrscheinlich halte, möchte ich im Folgenden ausführen:

Im 13. oder 14. Jahrhundert ging Ingelheimer Grund als Reichsschultheißerei zum Reichsamt Oppenheim, das ab dem 12. Februar 1375 an den pfälzischen Kurfürsten verpfändet wurde und ihm 1407 zugesprochen wurde.2)Vgl. Fabricius, Wilhelm: Geschichtlicher Atlas der Rheinprovinz. Band 6. S. 244-245. Ab 1441 war es kurfürstlich pfälzisches Privateigentum auf pfalzsimmerschem Territorium, so genanntes Kammergut3)Olschowka vermutet, dass die Ockenheimer Kammerstraße bzw. deren Verlängerung bis zum „Kammergut“ im Soonwald führte und es sich hierbei ebenso um ein Teilstück des Geleitweges von Mainz nach Trier handelte, vgl. Olschowka, Guido: Historisches Ockenheim. Bingen 1983. S. 81. Letzteres lässt sich leicht widerlegen, da es sich bei der Geleitstraße nicht um die Kammerstraße, sondern – zumindest im Umkreis von Ockenheim – um die Mainzer Straße / B 41 handelt. Die Ockenheimer Kammerstraße teilt sich südlich des Binger Rochusberges nach Nordwest und Südwest. Je nach Wahl des Weges gelangte man über die Binger Drususbrücke oder den Nahefurt bei Büdesheim/Münster-Sarmsheim in den Soonwald. , da es in diesem Jahr als Zubehör zu einem Hof in Daxweiler von Kloster Otterberg an Kurfürst Ludwig IV. verkauft wurde4)Vgl. Widder: Kurpfalz III. S. 330ff.. Noch 1598 gehörte es nach laut „Simmerer Amtsbeschreibung von 1770“ zum pfälzischen Oberamt Simmern5)Vgl. Fabricius, Wilhelm: Das Pfälzische Oberamt Simmern. In: Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte und Kunft 28 (1909). S. 70-131, hier: S. 129. Fabricius berief sich auf eine Handschrift im Landesarchiv Koblenz, Handschrift A. I. 4. Nr. 1. Band 1, S. 70ff („Simmerer Amtsbeschreibung von 1770“) und den dort zitierten „Waldungen im Amt Simmern [n]ach dem Waldbuch von 1598“.

Fabricius deutete die Urkunde vom 10. Februar 891 fälschlicherweise als Tauschurkunde6)Bischof Teotelach von Worms gibt Erminfrid und seiner Frau Adelgunde einen  Herrenhof mit Hütte in der Umgebung des Berges Kanterich im Worms- und Nahegau, die bislang dem Cyricusstift Neuhausen bei Worms gehörte, vgl. beispielsweise Scriba III, S. 52, #860. und mutmaßte, dass es sich bei dem Haus des in dieser Urkunde erwähnten „Curiam Dominicalem cum casa“ um eine Eisenhütte7)Diese Hütten waren Häuschen, die von Holzhauern, Erzgräbern und Köhlern errichtet wurden., genauer: um die Rheinböllerhütte, handeln könnte.8)Vgl. Fabricius: Geschichtlicher Atlas der Rheinprovinz 6. Landesgeschichtlicher Teil. S. 24. Die Rheinböllerhütte ist jedoch entgegen Eduard Junges‘ Annahme nicht bereits im Lorscher Kodex erwähnt. Junges übersetzte „Cantero“ als Berg Kanterich9)= Der Kanterich ist der zweithöchste Berg im Soonwald. Auf ihm soll Wüstung Canthey gelegen haben. statt Kandern im Breisgau10)Vgl. Schmitt, Robert: Geschichte der Rheinböllerhütte (= Schriften zur rheinisch-westfälischen Wirtschaftsgeschichte 6). Köln 1961. S.19-20.. Die erste urkundliche Erwähnung der Rheinböllerhütte datiert von 1598 in einem Protokoll über Wald- bzw. Grenzbegehung im Ingelheimer Wald (SAK Abt. 4, Nr. 3681, Bl. 51f)11)Vgl. Schmitt, Robert: Geschichte der Rheinböllerhütte. Köln 1961. S. 23., doch ist davon auszugehen, dass sie bereits vorher existierte bzw. bereits zuvor weitere Hütten in der Gegend existiert haben. Ob es sich aber bei dem im Soonwalder Mönchswald liegenden Messersbacher Hof (13. Jahrhundert in Besitz des Klosters Otterberg12)Vgl. Fabricius: Geschichtlicher Atlas der Rheinprovinz 6. Topographischer Teil. S. 242. Nach: Otterberger Urkundenbuch. S. 4. um die Rheinböllerhütte handelt, ist rein spekulativ.

Staab weist richtigerweise daraufhin, dass es sich bei der Urkunde von 891 nicht um einen Tausch, sondern um eine remuneratische Prekarie (precaria oblata) handelte13)Vgl. Staab, Franz: Zur Organisation des früh- und hochmittelalterlichen Reichsgutes an der unteren Nahe. In: Alois Gerlich (Hg.): Beiträge zur mittelrheinischen Landesgeschichte (= Geschichtliche Landeskunde 21) Wiesbaden 1980. S. 1-29, hier: S. 9., der Ingelheimer Wald mit dem Gebiet um Warmsroth daher dem karolingischen Fiskus unterstanden haben kann. 14)Vgl. Staab: Zur Organisation. S. 12. Der Abgang des Waldanteils von St. Cyricus aus dem Ingelheimer Wald datiert er auf 845/847, vgl. ebd. S. 15..

Schmitz‘ Versuch, von der Urkunde Kaisers Otto II. von 996 auf den Zeitpunkt zu schließen15)Vgl. Schmitz, Hans. Pfalz und Fiskus Ingelheim (= Untersuchungen und Materialien zur Verfassungs- und Landesgeschichte 2). Marburg 1974. S. 29-30., wann der südöstliche Soonwald aufgeteilt wurde, kritisiert Staab scharf und gab zu bedenken, dass es sich bei der Urkunde 996 nicht wie bei der Veroneser Schenkung 983 um die Bestätigung von Rechten, sondern um die Verleihung von Jagdrechten in einem Banngebiet handelt16)Vgl. Staab: Zur Organisation. S. 16-17. Das Banngebiet umfasste das Gebiet vom Fußsteig des Morgenbachs über die via Ausonia bis zur Wüstung Canthey und von dort zum Dichtelbach bis zur dessen Quelle, zum Eckersfeld und schließlich rheinaufwärts bis zur Morgenbau zurück. Vgl. MGH, Kaiserurkunden II, S. 648, #233. Vgl. ebenso: Dotzauer, Wilfried: Geschichte des Nahe-Hunsrück-Raumes von den Anfängen bis zur Französischen Revolution. Stuttgart 2001. S. 101-102.. Der Ingelheimer Wald gehörte 983 nicht zum Binger Reichsgut, sondern vielmehr zum Ingelheimer. Mag sein, dass die frühmittelalterlichen Besitzungen der Abteien Prüm und Kornelimünster in Ockenheim auf vormaliges Reichsgut zurückgehen. Definitiv gehörte Ockenheim im 9. Jahrhundert zum Verwaltungsbezirk des Ingelheimer exactors des Pfalz, wie eine Urkunde von 835 zeigt.

Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass es sich bei dem Ockenheimer Rod tatsächlich ein Walddistrikt für Ockenheim handelte, wie auch diverse andere kurmainzische Gemeinden rechts der Nahe im Binger Wald Distrikte besaßen.17)Zu Gaudörfern im Wald vgl. Fabricius: Geschichtlicher Atlas der Rheinprovinz 6. S. 163 sowie 246-247. und es sich nicht um einen Lesefehler handelt.

References   [ + ]

1. Vgl. Erckmann, Gottfried: Der Binger Wald. Bingen: Pennrich 1930. S.44. Pfalz-Simmern setzte sich aus Ockenheimer Rod, Wäldchen „auf Reipoltskirch“, Erbacher Wald und Spitalkopf zusammen.
2. Vgl. Fabricius, Wilhelm: Geschichtlicher Atlas der Rheinprovinz. Band 6. S. 244-245.
3. Olschowka vermutet, dass die Ockenheimer Kammerstraße bzw. deren Verlängerung bis zum „Kammergut“ im Soonwald führte und es sich hierbei ebenso um ein Teilstück des Geleitweges von Mainz nach Trier handelte, vgl. Olschowka, Guido: Historisches Ockenheim. Bingen 1983. S. 81. Letzteres lässt sich leicht widerlegen, da es sich bei der Geleitstraße nicht um die Kammerstraße, sondern – zumindest im Umkreis von Ockenheim – um die Mainzer Straße / B 41 handelt. Die Ockenheimer Kammerstraße teilt sich südlich des Binger Rochusberges nach Nordwest und Südwest. Je nach Wahl des Weges gelangte man über die Binger Drususbrücke oder den Nahefurt bei Büdesheim/Münster-Sarmsheim in den Soonwald.
4. Vgl. Widder: Kurpfalz III. S. 330ff.
5. Vgl. Fabricius, Wilhelm: Das Pfälzische Oberamt Simmern. In: Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte und Kunft 28 (1909). S. 70-131, hier: S. 129. Fabricius berief sich auf eine Handschrift im Landesarchiv Koblenz, Handschrift A. I. 4. Nr. 1. Band 1, S. 70ff („Simmerer Amtsbeschreibung von 1770“) und den dort zitierten „Waldungen im Amt Simmern [n]ach dem Waldbuch von 1598“.
6. Bischof Teotelach von Worms gibt Erminfrid und seiner Frau Adelgunde einen  Herrenhof mit Hütte in der Umgebung des Berges Kanterich im Worms- und Nahegau, die bislang dem Cyricusstift Neuhausen bei Worms gehörte, vgl. beispielsweise Scriba III, S. 52, #860.
7. Diese Hütten waren Häuschen, die von Holzhauern, Erzgräbern und Köhlern errichtet wurden.
8. Vgl. Fabricius: Geschichtlicher Atlas der Rheinprovinz 6. Landesgeschichtlicher Teil. S. 24.
9. = Der Kanterich ist der zweithöchste Berg im Soonwald. Auf ihm soll Wüstung Canthey gelegen haben.
10. Vgl. Schmitt, Robert: Geschichte der Rheinböllerhütte (= Schriften zur rheinisch-westfälischen Wirtschaftsgeschichte 6). Köln 1961. S.19-20.
11. Vgl. Schmitt, Robert: Geschichte der Rheinböllerhütte. Köln 1961. S. 23.
12. Vgl. Fabricius: Geschichtlicher Atlas der Rheinprovinz 6. Topographischer Teil. S. 242. Nach: Otterberger Urkundenbuch. S. 4.
13. Vgl. Staab, Franz: Zur Organisation des früh- und hochmittelalterlichen Reichsgutes an der unteren Nahe. In: Alois Gerlich (Hg.): Beiträge zur mittelrheinischen Landesgeschichte (= Geschichtliche Landeskunde 21) Wiesbaden 1980. S. 1-29, hier: S. 9.
14. Vgl. Staab: Zur Organisation. S. 12. Der Abgang des Waldanteils von St. Cyricus aus dem Ingelheimer Wald datiert er auf 845/847, vgl. ebd. S. 15.
15. Vgl. Schmitz, Hans. Pfalz und Fiskus Ingelheim (= Untersuchungen und Materialien zur Verfassungs- und Landesgeschichte 2). Marburg 1974. S. 29-30.
16. Vgl. Staab: Zur Organisation. S. 16-17. Das Banngebiet umfasste das Gebiet vom Fußsteig des Morgenbachs über die via Ausonia bis zur Wüstung Canthey und von dort zum Dichtelbach bis zur dessen Quelle, zum Eckersfeld und schließlich rheinaufwärts bis zur Morgenbau zurück. Vgl. MGH, Kaiserurkunden II, S. 648, #233. Vgl. ebenso: Dotzauer, Wilfried: Geschichte des Nahe-Hunsrück-Raumes von den Anfängen bis zur Französischen Revolution. Stuttgart 2001. S. 101-102.
17. Zu Gaudörfern im Wald vgl. Fabricius: Geschichtlicher Atlas der Rheinprovinz 6. S. 163 sowie 246-247.

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