Ostern mit Schnee im Sommerkostüm

Ostern dieses Jahr war kalt und ungemütlich. Die Natur war noch fast im Winterschlaf. Aber Ostern mit Schnee ist keine Seltenheit. Genau präzisieren kann ich es nicht mehr. Es war ein Ostern der Jahre 1962, 1963 oder 1964 und es schneite morgens. Der Schnee verwandelte sich bis zur Mittagszeit in einen einige Zentimeter hohen wässrig-nassen Schneematsch. Damals waren die Straßen in Ockenheim noch nicht kanalisiert und es gab keine richtigen Bürgersteige. Im Gegensatz zu heute war es nicht üblich, dass der Schnee gekehrt wurde. Man streute allenfalls einen Pfad mit Asche ab, um die Rutschgefahr zu mindern.

Nun war es damals so, dass man ab Allerheiligen seinen warmen Wintermantel trug und ab Ostern Sommerkostüm oder Sommermantel – ganz gleich wie die Witterung war. Morgens in der Kirche kleideten sich daher ab dem Ostersonntag alle sommerlich. Unabhängig von der Witterung. Hierzu gehörte natürlich auch das jahreszeitliche Schuhwerk.

An jenem Ostern mit Schneematsch war auch ich im Sommerkostüm unterwegs. Der wässrige Matsch lief mir in die weißen Sommerschühchen und ich versuchte daher, meinen Weg über Fußspuren zu finden – natürlich ohne wirklichen Erfolg. Zu warten, bis sich am Nachmittag die Straßenlage vielleicht gebessert hätte, war undenkbar. Gleich nach dem Hochamt ging es zum „Osterhasen suchen“, auch wenn ich nicht mehr an die Mär vom Osterhasen glaubte. Man fieberte diesem Ereignis entgegen und brachte die Beute stolz nach Hause. Die bemalten Ostereier schmeckten nun mal viel, viel besser als die alltäglichen gekochten Eier. Und Schokolade gab es schließlich auch nicht alle Tage. Von Schulkameraden weiß ich, dass diese es nicht schafften, ihre Schokoladenhasen unversehrt nach Hause zu bringen. Der Appetit auf Schokolade war so groß, dass auf dem Heimweg die Ohren der Schokohasen dran glauben mussten.

An jenem Ostersonntag wieder zu Hause schimpfte meine Mutter, ob der ramponierten Schuhe über die „Verrücktheit der Menschheit“, bei einem solchen Wetter Sommerkleidung zu tragen und in leichten Sommerschuhen durch den Schneematsch zu waten. Bleibt nachzutragen, dass natürlich auch sie an jenem Sonntag im Sommermantel in der Kirche war. Ich kann mit nicht daran erinnern, ob in jener Zeit jemand wirklich die Courage hatte, aus der Reihe zu tanzen und dieses jahreszeitliche Ritual zu brechen.

Anmerkung: Diese Anekdote wurde ursprünglich am 14. Mai 2013 veröffentlicht.

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