Die Strafe Gottes

Der Pfingstsonntag war früher ein besonders „hehrer“ Feiertag. Jede Hausarbeit hatte zu unterbleiben, wovon das Kochen für die Hausfrau – natürlich – ausgenommen war. Den Tag verbrachte man im Ort; Ausflüge „außerhalb“ machte man am ersten Pfingstfeiertag grundsätzlich nicht – ganz im Gegensatz zum zweiten Pfingsttag, an dem man den traditionellen Pfingstausflug machte und dies gerne mit dem Besuch von Verwandten verknüpfte.

Am Nachmittag des Pfingstsonntags stand der Pfingst-Spaziergang an. Im besten Sonntags“staat“ (Sonntagskleidung) spazierten die Familien durch die Straßen. Da man seine besten Schuhe trug, bewegte man sich nur auf Straßen und Wegen, die „sauber“ waren und die Schuhe möglichst nicht beschmutzten. Meine Eltern hatten sich mit ihren Freunden, einem anderen Ehepaar, zu diesem Spaziergang verabredet. Nun war aber leider der todchice modische Nylonschal für den Sommermantel meiner Mutter durch das morgendliche Tragen in der Kirche leicht geknittert. Undenkbar, an Pfingsten mit einem Schal spazieren zu gehen, bei dem man vielleicht einen Knitter hätte sehen können. Sie war völlig aufgelöst. Mit vielen Worten darüber, dass man am Pfingstsonntag nicht bügeln dürfe und sie hoffe, dass der Herrgott ihr deswegen nicht böse sein, schaltete meine Mutter das Bügeleisen ein, um die „Kreche“ (Falte) glatt zu bügeln.

Nun gab es damals noch keine Bügeleisen mit Thermostat und die transparenten Nylonschals waren äußerst hitzeempfindlich. Ich hörte sie mit dem entsetzten Ausruf aufschreien: „Das ist die Strafe Gottes; das ist die Sündenschuld, weil ich am hehren Feiertag bügeln wollte!“. Sie war völlig untröstlich. Das Bügeleisen war trotz Prüfung mit dem angefeuchteten Finger doch zu warm gewesen und hatte ein Loch in den Schal gebrannt, genauer gesagt, das Nylon war weggeschmolzen. Sie hat viele Jahrzehnte lang immer wieder am Pfingstsonntag erwähnt, dass sie sich nicht noch einmal der „Sündenschuld“ und „Strafe Gottes“ aussetzen werde, in dem sie an jenem Tag eine unnötige Hausarbeit verrichten würde.

Anmerkung: Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 17. Juli 2013 auf geschichte-ockenheim.de.

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