Die Glocken fliegen nach Rom zum Milchsuppe-Essen

Es ist Gründonnerstag und es ist die Zeit Anfang der 50er Jahre, noch Nachkriegszeit, auch wenn mein Jahrgang die Kriegsjahre selbst nicht erleben musste. Meiner Erinnerung nach muss es bereits mehr oder weniger dunkel gewesen sein. Ich war noch sehr klein, aber ganz gespannt auf ein großes Ereignis, das sich bald vor meinen Augen vollziehen sollte. Denn gleich flogen die Ockenheimer Glocken nach Rom um dort Milchsuppe zu essen und ­- gestärkt für ein ganzes Jahr – am Ostermorgen mit großem Geläut wieder zurückzukehren. Und tatsächlich, die Glocken der Ockenheimer Pfarrkirche lauteten irgendwie besonders feierlich. Mein Vater und ich standen in der Tür die zum Hof führte und deren Luftlinienentfernung war vielleicht 130 Meter. Er nahm mich auf den Arm, damit ich über die angrenzenden Mauern den Kirchturm sehen konnte. Die Glocken läuteten und läuteten und läuteten. Und immer wieder sagte mein Vater „siehst Du sie? Dort, dort und dort“. Eigentlich sah ich nichts. Aber war nicht dort ein Schatten? Und, schließlich war es ja nicht hell und mein „großer“ Vater sah ganz bestimmt viel mehr als ich kleines Kind. Wenn ich richtig angestrengt zum Kirchturm sah, waren da nicht wirklich Schatten am Himmel. Und ich verkündete laut „ja, ja da sind sie“. In den nächsten Tagen kam noch des Öfteren die Sprache auf dieses Ereignis. Meine Oma fragte mich „und, hast Du gestern Abend auch die Glocken fliegen gesehen?“ Natürlich hatte ich das. Wie konnte ich kleines Kind denn laut meine Zweifel äußern, wenn für alle „Großen“ der Flug so deutlich sichtbar war. „Aber warum fliegen die denn nach Rom, um Milchsuppe zu essen? fragte ich. „Ja, beim Papst schmeckt die Milchsuppe besonders gut. Sie macht so stark, dass die Glocken dann wieder ein ganzes Jahr läuten können.“ Das leuchtete mir ein. Schließlich ging es um den Papst und der kam direkt nach Gott, wie ich schon wusste. Wenn bei Gott ALLES möglich war, warum sollte der Papst nicht eine solch kleine Einzelleistung wie das Milchsuppe kochen vermögen. Am Karfreitag und Ostersamstag war es dann ungewöhnlich still. Kein Läuten zur Messe oder zum „11-Uhr-Läuten“ unterbrach das Tagesgeräusch. Und es verstärkte sich bei mir das Gefühl, dass „sie“ tatsächlich weg waren. Wir Kinder unterhielten uns darüber und ich konnte stolz verkünden, dass ich gesehen habe, wie sie weggeflogen sind. Ja, über so etwas hat man sich früher als Kind unterhalten. Schließlich war es ein Tagesereignis in unserer kleinen Welt ohne Fernseher und Radio. Es waren ja auch besondere Tage. Es war nicht nur Fastenzeit, sondern wir bekamen an Gründonnerstag auch eingeschärft, nur ja bis Ostern kein Fleisch und keine Wurst zu essen.
Aber dann, tatsächlich. Genau auf die Minute zur Ostervigil kamen sie laut läutend wieder angeflogen. Wie das lärmte. Viel lauter als sonst, was ja auch logisch war, denn schließlich war die stärkende päpstliche Milchsuppe sozusagen noch ganz frisch. Im nächsten und übernächsten Jahr wiederholte sich das Ereignis. Aber ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich dann hinterfragte „Papa, wenn doch die Glocken fliegen, wieso kommen sie dann immer noch aus dem Kirchturm?“ Ich meinte damit, dass sich durch die wegfliegenden Glocken doch der Schall hätte verändern müssen. Doch dieser kam nach wie vor ganz deutlich aus dem Glockenturm. Dass Glocken fliegen können, hätte ich mir schon vorstellen können, aber nicht, dass sie jetzt gerade über den Leger fliegen, der Glockenklang aus dem Kirchturm kam. Da stimmte doch etwas nicht. Mein Vater meinte, dass ich mir nur einbilde, aber ich wusste für mich ganz genau, dass es kein Trugschluss war. Als mich dann am nächsten Tag unsere Nachbarin, meine geliebte Tante Lisbeth nach den fliegenden Glocken fragte, erwähnten meine Eltern meine Nachfrage und irgendwie grinsten sie so komisch dabei. Da war ich mir sicher, da „stimmt was nicht an dieser Sache“. Aber ich tat ihnen dann auch im nächsten Jahr wieder den Gefallen. Was tut man nicht so alles für seine Eltern, damit die ein gutes Gefühl haben. Sind schon manchmal komisch die Eltern, dachte ich mir, „obwohl sie doch schon sooo groß waren“.

Anmerkung: Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 18. April 2014 auf geschichte-ockenheim.de.

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