Der „Heeeee“

Ich war mal wieder zu Besuch bei Oma und Opa. Oma machte das Küchenfenster auf und rief in den Hof „Hee, komm doch mal rein, wir haben Besuch“.  In diesem Moment fiel mir auf, dass Oma den Opa eigentlich nie mit dem Vornamen rief. Die ganzen Jahre war mir dies nie bewusst geworden. Auf meine Frage, warum sie denn ihn nicht mit dem Namen rufe, sondern „hee“ benutze, bekam ich eine Antwort, die mich verblüffte, aber auch nachdenklich machte.

„Weißt du“, sagte sie, „ich müsste dann ‚Pére‘ (man zog dabei das erste „e“ im Namen eigenartig in die Länge) rufen. Das hört sich aber schrecklich an. ‚Pére‘, das ist so altmodisch. Und ‚Pit‘ (die zweite umgangssprachliche Form) gefällt mir auch nicht. Wenn ich ihn aber „Peter“ rufen würde, hätten mich die Leute für verrückt erklärt und gemeint, ich würde mich für was besseres halten.“ Also hatte sie sich angewöhnt, ihren Peter möglichst ohne Namen anzusprechen.

Heute würde man für „was besseres“ den Begriff hochnäsig oder abgehoben verwenden. Solche Leute standen am Rande der Gemeinschaft, eine Position, die für „normale“ Ockenheimer ein Graus war. Zu leiden hatten auch alle „Georg“, denn sie wurden „Schorsch“ gerufen und alle Maria hörten ihren richtigen Namen selten – „Maiaaa“ hallte der Ruf, wenn sie gemeint waren.

Anmerkung: Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 14. Mai 2013 auf geschichte-ockenheim.de.

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