„De Hess“ und seine getürkte Traubenernte

Das genaue Jahr kann ich nicht mehr bestimmen. Vermutlich zwischen passierte es zwischen 1930 und 1938 oder kurz nach Kriegende. Mein Vater hat die Geschichte zur Weinlesezeit immer wieder erzählt. In der oberen Alleestraße wohnte damals das Ehepaar Hess. Soweit ich mich erinnere, war es kinderlos.
In jenen Jahren gehörte zu einem guten Winzer auch die Fähigkeit, den Ernteertrag eines Wingerts ziemlich genau einschätzen zu können. Entsprechend dieser Schätzung bestückte man den Erntewagen mit Traubenbütten. Es galt als blamabel, mit halbvollen oder gar einer leeren Traubenbütte nach Hause bzw. zum abladen zu fahren. Volle, möglichst „gemoschterte“ Bütten gereichten einem Winzer zur Zierde. Clevere Winzer bestückten daher den Erntewagen für den jeweiligen Tag möglichst so, dass man die Trauben mit dem Weinstampfer zusammendrücken musste, um die Ernte in die den mitgebrachten Bütten unterbringen zu können. Reichte auch dies nicht aus, stieg man mit hohen Gummistiefeln in die Bütten und stampfte das Lesegut zusammen, man „moschterte“. Beim abendlichen Abladen waren solche Traubenbütten mehr oder weniger hoch mit dem Saft der Trauben gefüllt. Je mehr Saft ausgeschöpft wurde, umso stolzer der Winzer, war er sich doch der Aufmerksamkeit und Anerkennung der anderen Winzer gewiss, die darauf warteten zum abladen an die Reihe zu kommen. Eine große Erntemenge galt als Beweis für eine erfolgreiche und gute Weinbergsarbeit. Vom richtigen Rebschnitt und der passenden Pflege den Sommer über.
In jenem Jahr in dem die Geschichte spielt, war der Traubenertrag allgemein nicht so hoch. Trotzdem fuhr „der Hess“, wie er genannt wurde, mit drei leeren Bütten zur Weinlese in einen seiner Weinberge. Es waren richtige Holzbütten. Geformt wie ein Faß, bei dem eine Seite offen war. Die Nachbarn spekulierten und ergingen sich in Prognosen, dass die drei Bütten nie und nimmer voll werden würden. Und so war es auch. Die dritte Traubenbütte blieb komplett leer.
Hess hatte aber wohl die Spekulation mitbekommen bzw. er war sich der Häme der anderen gewiss. Er war ein stolzer Mann, der sich dem Gespött nicht aussetzen wollte. Und so drehte er kurzerhand am Weinberg die Bütte um. In die Bodenvertiefung legte er Trauben, so dass es aussah als sei die Bütte bis oben hin gefüllt. „Hast Du schon gesehen? Das gibt’s doch nicht. Der Hess fährt tatsächlich grad‘ mit drei vollen Bütten heim“. Die Besserwisser waren perplex. Der Trick lies sich aber nicht durchhalten. Die Täuschung wurde entdeckt, verbreitete sich in Windeseile im ganzen Ort und wurde jedes Jahr zur Weinlesezeit immer wieder aufs Neue kolportiert wenn bei der täglichen Büttenfrage geunkt wurde: „Na … du willsch’s aber doch nit mache wie de Hess?“.