Das Wasserkarussell im Morgenbachtal

Ich war 9 oder 10 Jahre alt und es stand für den Sonntag ein großes Ereignis an. Gleich nach dem Hochamt und einem schnellen Mittagessen sollte es in das Morgenbachtal gehen. In der dortigen „letzten Mühle“ gab es ein Wasserkarussell. Darauf freute ich mich schon tagelang.
Mit dem Bus ging es nach Bingen. Von dort mit dem Zug nach Trechtingshausen. Vom Bahnhof aus musst man ein gutes Stück in Richtung Bingen zurücklaufen und konnte dann das Morgenbachtal hoch wandern. In der „Letzten Mühle“ gab es ein einfaches Lokal und das sensationelle Wasserkarussell. Dieses bestand aus einfachen kleinen Booten für zwei Personen. Zwei Querholzbretter dienten als Sitz. Die Boote waren sternförmig an einer Mittelachse befestigt und drehten sich gemächlich in einem mit Wasser gefüllten Becken. Für mich war es unbeschreiblich aufregend. Angetrieben wurde das Ganze von dem Wasser des Morgenbachs. Wahrscheinlich über das alte Mühlrad, was ich aber nicht mehr genau weiß.
Nachdem mir meine Eltern zwei Fahrten bezahlt hatten, saß ich sehnsüchtig auf das Karussell blickend an ihrem Tisch als sich das Wunder ergab. Die Tochter des Hauses, ein oder zwei Jahre älter als ich und auch etwas wilder, kam auf der Suche nach einem Spielkameraden kam zu mir und rief, „komm mit mir, wir fahren ein bisschen“. Und so saß ich seelig mit ihr im Boot und wir drehten Runde um Runde, ohne dass ich etwas bezahlen musste. Während ich ganz brav in dem kleinen Boot saß, balancierte sie auch mal von Boot zu Boot oder stieg auch mal unterwegs einfach aus, um ihren Wagemut zu beweisen. Ihren Namen habe ich nie vergessen, sicherlich auch, weil er so ungewöhnlich war. Noch nie hatte ich gehört, dass jemand auf den Namen Ludmilla hörte. Der Ausflug war ein aufregendes Erlebnis und mein Sommerhighlight das Jahres, das die anderen in meiner Klasse sogar ein bisschen richtig neidisch machte.