Sozialdarwinismus beim Deutschen Sängerfest in Nürnberg 1861

Vom 21. Bis 24. Juli 1861 fand mit dem Deutschen Sängerfest in Nürnberg das erste große Nationalfest der Nach-Reaktionsära an. Die Woge der überschwänglichen Begeisterung, auf der dieses Fest trieb, wurde vor allem von der vermeintlichen französischen Annexionspolitik dieser Zeit angefacht1)Ein kleiner Exkurs: 1858 versprach der Ministerpräsident des Königreiches Sardinien, Camillo Benso von Cavour, dem französischen Kaiser Napoleon III., Savoyen und Nizza an Frankreich abzutreten, sollte Frankreich die italienische Einigungspolitik unterstützen. Nach dem für Sardinien und seinen Bündnispartner Frankreich erfolgreichen Sardinischen Krieg wurde durch den Vertrag von Turin dieses Versprechen eingelöst. Ein Jahr später ging das Königreich Sardinien im Königreich Italien auf..

Trotz des rechtlich einwandfreien Vertrages zwischen Frankreich und Sardinien befürchteten viele Deutsche darin den Anfang   einer französischen Annexionspolitik nach Osten. Die Sorge, Kaiser Napoleon III. könnte erneut den Rhein als deutsch-französische Grenze fordern – wie 1840 „Bürgerkönig“ Louis Philippe I. – und eine zweite Rheinkrise auslösen, war zwar rein ideell, bündelte aber dennoch die Kräfte der seit 1849 brach liegenden deutschen Nationalbewegung erneut. Das Deutsche Sängerfest war daher mehr als nur ein Treffen männlicher Sänger aus Deutschland. Es war Symbol der Verbrüderung der deutschen Länder, des deutschen Einigungsstrebens. Frankreich, so der universelle Überzeugung seit der Völkerschlacht bei Leipzig 1813, könne nur eine gemeinsame, deutsche Armee besiegen.

Entsprechend war das Sängerfest in Nürnberg in verschiedenen Facetten politisch, aber auch religiös aufgeladen: Das Festzelt glich optisch einer Basilika, in der die heroischen Vaterlandsgesänge und Trinksprüche wie Treuegelöbnisse und Gebete hallten. Der Treueschwur der Sänger auf die Festfahne glich einem Eheversprechen des „deutschen Mannes“ und „seiner Nation“, einem moralischen Versprechen zu unbedingter Treue, die notfalls in der Aufopferung im Krieg gipfelte.
Und zu der politisch-religiösen Aufladung kam der sozialwissenschaftliche Ansatz des Sozialdarwinismus hinzu, der seit Mitte des 19. Jahrhunderts stark an Popularität gewann. Denn trotz Protesten wurden (milieuunabhängig) nur „leistungsstarke Vereine“ mit musikalischer Qualität eingeladen. Um ein möglichst kampfbetontes, „typisch deutsches“ Fest zu inszenieren (und Frankreich den moralischen, erhobenen Zeigefinger zu zeigen). Deutschsein bedeute Überlegenheit und Auserwähltsein.

Ein beliebtes Männerchorlied um 1860 war „All-Deutschland“, in dem Gott als „Schlachtenlenker“ (Klenke, Nationalheroisches Charisma, S. 166) stilisiert, der „das deutsche Volk“ als auserwähltes immer zum Sieg führt. Hierin findet sich der schon seit Anfang des Jahrhunderts drängende Antisemitismus, der Deutschtum mit Christentum verbindet und Juden die deutsche Nationalität abspricht, da sie bereits dem „jüdischen Volk“ angehören – das eben nicht mehr das auserwählte Volk sei.
Die Liedbeiträge der 16 Hauptaufführungen laudierten dem heroischen Kampfgeist und der deutschen Verbundenheit. Höhepunkt der Aufführungen war Ferdinand von Hillers Kantate „An das Vaterland“ nach einem Text von Wolfgang Müller von Königswinter, die die nationale Einigung als kategorische Voraussetzung für den imperialen Aufstieg Deutschlands verdeutlichte.

 

Siehe dazu vor allem: Klenke, Dietmar: Das nationalheroische Charisma der deutschen Sängerfeste am Vorabend der Einigungskriege. In: „Heil deutschem Wort und Sang!“. Nationalidentität und Gesangskultur in der deutschen Geschichte Tagungsbericht Feuchtwangen 1994 (= Feuchtwanger Beiträge zur Musikforschung 1). Augsburg 1995. S. 141-196.

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1. Ein kleiner Exkurs: 1858 versprach der Ministerpräsident des Königreiches Sardinien, Camillo Benso von Cavour, dem französischen Kaiser Napoleon III., Savoyen und Nizza an Frankreich abzutreten, sollte Frankreich die italienische Einigungspolitik unterstützen. Nach dem für Sardinien und seinen Bündnispartner Frankreich erfolgreichen Sardinischen Krieg wurde durch den Vertrag von Turin dieses Versprechen eingelöst. Ein Jahr später ging das Königreich Sardinien im Königreich Italien auf.

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