Johannes Ockenheim alias Jean Ockeghem

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Im hohen Mittelalter entstanden die Nachnamen infolge des steigenden Selbst-Bewusstseins des städtischen Bürgertums. Auch das Bevölkerungswachstum und die damit verbundene häufige Namensgleichheit soll zu der Entstehung und Etablierung beigetragen haben. Jedenfalls orientierten sich die „Beinamen“ an der Herkunft (speziell bei Adeligen/Ministerialen), dem Beruf (städtisches Bürgertum) oder waren anderweitige Überbegriffe („Krumm“, „Winter“, „Fuchs“, …). Auch aus den Rufnamen des Vaters entstanden sie (Jakobssohn -> Jacobsen -> Jacobs -> Jacob). Bei der Heirat nahm Frauen meist den „Beinamen“ des Mannes an.

„Ockenheim“ als Beiname

So trugen auch die Herren von Ockenheim der Ockenheimer Burg nach ihrem Vornamen den Zusatz „von Ockenheim“. Über die wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen der Ministeriale des Mainzer Erzbischofs geben uns die überlieferten Quellen nur wenig Auskunft: Sie waren insbesondere im Spätmittelalter Lehensmänner der Herren/Grafen von Sponheim und Boladen; regionaler, einflussreicher Familien. Zeitweise besaßen sie (zusätzlich?) die Burg Layen bei Rümmelsheim.

Johannes Ockenheim – Jean Ockeghem

Als die Herren von Ockenheim nach Ingelheim zogen und nunmehr in der dortigen Burgkirche zu leben, wurde

Anonymes Portrait von Jean Ockeghem
Anonymes Portrait von Jean Ockeghem

im heute belgischen St. Ghislain im Hennegau Johannes Ockenheim geboren. Oder, wie er in der deutschsprachigen Musikgeschichte genannt wird, Jean Ockeghem (das „gh“ wird als kehliger Rachenlaut wie das „ch“ in „auch“ ausgesprochen). Beide Ereignisse, der Umzug der Herren von Ockenheim in die Ingelheim Burgkirche und die Geburt von Jean Ockeghem lassen sich nicht exakt datieren, lassen sich jedoch auf die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts eingrenzen. Jean Ockghem erlangte als Komponist der so genannten frankoflämischen Renaissance Bekanntheit.

Wie(so) wurde aus Ockeghem Ockenheim?

Wie bereits geschrieben: Jean Ockghem ist in musikhistorischen Schriften auch als „Johannes Ockenheim“ bekannt und zwar nicht, wie zunächst zu vermuten, in der deutschsprachigen, sondern in der englischen / amerikanischen Musikwissenschaft, besonders der älteren. Das belegen schon einfach Suchen bei google Books (2.190 Treffer für Johann(es) Ockenheim).

Wie kommt es aber, dass für Ockeghem die Schreibweise „Ockenheim“ verwendet wird und nicht Okegem, einem belgischen Städten? Beileibe ist die Erklärung der etymologischen Herkunft des Namens des Komponisten wesentlich leichter mit Okegem zu erklären, dass nur ca. 56km von St. Ghislain entfernt liegt. Und doch wurde Ockenheim verwendet.

Noch ganz am Beginn

Noch bin ich auf der Suche nach dem ersten Verwender der Schreibweise „Ockenheim“. Vielleicht kannte er eher Ockenheim als Okegem? War es ein Verleser? Vielleicht ein bewusster Täuschungsversuch? Oder gab es vielleicht Handelsbeziehungen zwischen Ockenheim und Brabant (Okegem) oder dem Hennegau (St. Ghislain) – Wein gegen Tuche? War ein Vorfahre von Ockeghem vielleicht ein Ockenheimer Burgmann, der seinen Sohn am Hof eines anderen, im heutigen Belgien wohnende Freundes erziehen ließ und der schließlich dort wohnen blieb? Oder ein Ockenheimer Kaufmann, der sich in diesem Gebiet niederließ und den man nach seiner Herkunft „(von) Ockenheim“ nannte?

Die zahlreichen Fragezeichen zeigen: Ich bin erst am Anfang einer quellenkritischen Detektivarbeit, die noch einige Zeit dauern wird.
Über Anregungen wäre ich natürlich sehr glücklich – Quellen zu Jean Ockeghem, die ich noch nicht kannte oder anderweitige Hinweise, die meine Fragen beantworten können.

Abbildung: Anonym – Ohne Titel (Wikimedia) (CC pd)

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Ergänzung (29.10.13, 19:31Uhr):

Danke an „die Weberin“ für eine erste Antwort:

Dass Ockeghem tatsächlich schon wenige Jahrzehnte nach seinem Tod schon als „Ockenheim“ genannt wurde, verblüfft mich. Damit hätte ich nicht gerechnet. Das bedeutet, ich werde nun nach früheren „Namen“ von Okegem suchen; evtl. hieß auch es früher „Ockenheim“. Das würde einiges erklären.

Bezeichnungen von Ockenheim im 15./16. Jh.:

  • Im 15. Jahrhundert: „Ockenum“ unterhalb des Epitaphen von Wilhelm von Ockenheim, genannt zu Ingelheim 1)Vgl. Geißler, Hartmut: Das Epitaph des Wilhelm von Ockenheim, genannt von Ingelheim.
  • Im 16. Jahrhundert: „Ockenum“ auf der Karte von Mascop zum benachbarten (Gau-)Algesheim 2)Vgl. regionalgeschichte.net: Brilmayer Gesellschaft e. V.: Landmarken – Landkarten, scheinbar zitiert nach: Kneib, Gottfried: Stadt und Gemarkung im Atlas des Kartographen Gottfried Mascop, 1577. In: Gau-Algesheim. Historisches Lesebuch, 1999, 253-274. und in der Ortsbeschreibung von 1577 3)Vgl. Scan auf regionalgeschichte.net aus: Schmitt [Hirbodian], Sigrid: Ländliche Rechtsquellen aus den kurmainzischen Ämtern Olm und Algesheim. Stuttgart 1996. (= Geschichteliche Landeskunde 44). S 152-154. sowie „Ockenheim“ in der Ortsbeschreibung von 1590 4)Vgl. Scan auf regionalgeschichte.net aus: Schmitt [Hirbodian], Sigrid: Ländliche Rechtsquellen. ohne Seiten..

Für Okegem, das scheinbar nun ein Stadtteil von Ninove ist, finde ich nach oberflächlicher google-Suche keine Treffer, habe aber das (Stadt?)archiv in Ninove angeschrieben und um Hilfe gebeten.

References   [ + ]

1. Vgl. Geißler, Hartmut: Das Epitaph des Wilhelm von Ockenheim, genannt von Ingelheim.
2. Vgl. regionalgeschichte.net: Brilmayer Gesellschaft e. V.: Landmarken – Landkarten, scheinbar zitiert nach: Kneib, Gottfried: Stadt und Gemarkung im Atlas des Kartographen Gottfried Mascop, 1577. In: Gau-Algesheim. Historisches Lesebuch, 1999, 253-274.
3. Vgl. Scan auf regionalgeschichte.net aus: Schmitt [Hirbodian], Sigrid: Ländliche Rechtsquellen aus den kurmainzischen Ämtern Olm und Algesheim. Stuttgart 1996. (= Geschichteliche Landeskunde 44). S 152-154.
4. Vgl. Scan auf regionalgeschichte.net aus: Schmitt [Hirbodian], Sigrid: Ländliche Rechtsquellen. ohne Seiten.

2 Gedanken zu „Johannes Ockenheim alias Jean Ockeghem

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