Der Sängerwettstreit auf der Wartburg des Westens

Um es gleich vorweg zu nehmen: Gekauft. Er war gekauft, dieser selbst ernannte Sängerwettstreit am 7. August 1949. Dass die Ebernburg im Naheland mit ihrer von Martin Schmidt erhaltenen Umschreibung im Veranstaltungstitel genannt wird, verdeutlicht die Intention der Veranstalter: Sie wollten an den fabelhaften Sängerstreit auf der Wartburg anknüpfen, seine Stimmung erzeugen…. nun, so ganz genau ist das nicht eindeutig, denn ich habe die Unterlagen in Bad Kreuznach noch nicht eingesehen. Aber ich mutmaße wohl nicht zu sehr, wenn ich den Veranstaltern zutraue, dass sie diesen Titel bewusst gewählt haben.

Die Burg Ebernburg ist Teil von Bad Münster am Stein-Ebernburg – welches wiederum ein Stadtteil der kreisfreien Bad Kreuznach im Naheland zwischen Bingen und Idar-Oberstein ist. Hier fand am 7. August 1949 ein Wettbewerbssingen statt, zu dem zahlreiche Chöre der Umgebung eingeladen wurden. Nicht wie sonst war der örtliche, jubilierende Chor der Veranstalter, sondern die Gemeinde Ebernburg – damals noch nicht eingemeindet -, voran Gemeinde-Obersekretär K. H Schlich als Organisationsleiter und Gemeindebürgermeister Wollmer als Gesamtleiter. Die Organisation war die erste Enttäuschung des MGV 1866 Ockenheim an diesem Tag, der als einer der insgesamt 23 Chöre als letzter Chor mit den Liedern „Heimkehr“ und „Untreue (In einem kühlen Grunde)“ auftrat:

„Da der Veranstalter dieses Tages die Gemeinde war, ließ die Handhabung dieses Unternehmens sehr zu wünschen übrig.“. 1)Vereinsarchiv MGV 1866 Ockenheim, Protokollbuch 2. S. 39.

Die Preisrichter des Tages – des Programmheftes zufolge Lehrer Becker, Dexheimer, Christmann, Andre, Frey (zudem Komponist) und Chorleiter Hahn – werteten den Gesang des MGVs nicht zu den besseren zehn und ließ ihn in der Vorrunde ausscheiden. Ein Fauxpas aus deren Sicht, waren doch drei der Preisrichter Chorleiter von auftretenden Vereinen.

„Obwohl der Verein nach eigener Überzeugung und dem Urteil aller teilnehmenden Vereine mit guten Leistungen aufwartete, war es ihm durch das Urteil der Preisrichter, die nach der Meinung aller Teilnehmer unfähig waren, war es dem Verein nicht vergönnt[,] in das Ausscheidungssingen der 10 besten Vereine zu kommen.“. 2)Vereinsarchiv MGV 1866 Ockenheim, Protokollbuch 2. S. 39.

Doch scheinen nicht nur einige Preisrichter den Wettbewerb verzögert zu haben, sondern auch der „Beauftragte dieses Unternehmens“, den das Protokollbuch nicht namentlich als der Gemeindebürgermeister oder sein Obersekretär nennt.

„Nach späteren Informationen ergab sich, daß der damalige Beauftragte dieses Unternehmens ein Strafverfahren infolge unlauterer Geschäftsführung über sich ergehen lassen mußte.“. 3)Vereinsarchiv MGV 1866 Ockenheim, Protokollbuch 2. S. 39.

Nun, die Sänger des MGV fuhren mit ihrer Enttäuschung ins 16km entfernte Wallhausen zu einer Tanzveranstaltung, bei der die Musikkapelle des Dirigenten Gresch spielte und konnte den Ärger vergessen.

 

 

Noch kurz zu den Begrifflichkeiten im Veranstaltungstitel:

Sängerwettstreit auf der Wartburg

Nach einem lyrisch-dramatischen Gedicht 1250 fand 1206 oder 1207 ein Minnesängerwettstreit statt, der durch den thüringischen Chronisten Johannes Rothe Anfang des 15. Jahrhunderts auf die Wartburg, an den Hof des Landgrafen Hermann von Thüringen zu Eisenach verlegt wurde. Die vier damals berühmtesten Minnesänger, Heinrich von Ofterdingen, Walther von der Vogelweise, Wolfram von Eschenbach und Reinmar von Zweter, kämpften um ihr Leben. Denn die Verlierer der Wettbewerbs – die Minnesänger sollten einen berühmten Fürsten loben – sollte gehängt werden. Schließlich verlor Heinrich von Ofterdingen, der als einziger nicht den thüringischen Landgrafen, sondern Herzog Leopold von Österreich besang. [Den Hinweis auf „Wettbewerbsverzerrung“ kann ich mir hier nicht verkneifen.] An den Schutz der Landgräfin Elisabeth geflohen, befolgte er ihren Rat, den „Zauberer“ und „klugen“ Klingsor aus Ungarn als Schiedsrichter zu holen. Dessen neuer Wettkampf, in dem es um Gelehrsamkeit und das Lösen von Rätseln ging, konnte Wolfram von Eschenbach gewinnen. Der wohl bislang ungeschlagene Klingsor drohte daraufhin, den Teufel herbeizurufen. Diese Thematik diente Richard Wagner als Basis für seine Oper „Tannhäuser“.

Wartburg des Westens

Die Ebernburg wird zu den wichtigsten Zentren der Reformation in Rheinland-Pfalz gezählt – zusammen mit Worms und Speyer. Zu Beginn der 1520er war sie ihm Besitz des Reichsritters und Söldnerführers Franz von Sickingen, der durch seinen Freund, den Reformator Ulrich von Hutten, für Luther gewonnen wurde und 1521-1523 diversen PROMINENTEN der frühen Reformation Asyl bot – so auch Luther, der jedoch ablehnte und weiter auf den Wormser Reichstag zog.

Zeitgenössisch wurde die Ebernburg als „aequitatis receptaculum“, als „Herberge der Gerechtigkeit“ genannt (Hutten4)Hutten in seinem Dialog „bulla vel bullicida“, 1520 oder als „Zentrum einer antipäpstlichen Verschwörung“(päpstlicher Nuntius Hieronymus Alexander5)Vgl. Schäufele, Wolf-Friedrich: „Herberge der Gerechtigkeit“ oder „Wartburg des Westens“? Die Ebernburg in Luthers Tischreden. In: Blätter für pfälzische Kulturgeschichte und religiöse Volkskunde 79 (2002). S. 609-616., hier S. 610.). Spätere Forscher bezeichneten die Ebernburg als „Kaderschmiede“, „Strategiezentrum der früheren oberdeutschen Reformationsbewegung“ und „Experimentierfeld reformatorischer Neuerungen“ (Kaufmann6)Vgl. Kaufmann, Thomas: Geschichte der Reformation. Frankfurt am Main u.a. 2009. S. 484-485.), als „hot spot“ und „think tank“ und „Stütz- und Treffpunkt der [frühreformatorischen] Bewegung“(Schäufele7)Vgl. Schäufele, Wolf-Friedrich: „Herberge der Gerechtigkeit“ oder „Wartburg des Westens“? Die Ebernburg in Luthers Tischreden. In: Blätter für pfälzische Kulturgeschichte und religiöse Volkskunde 79 (2002). S. 609-616., hier S. 610. und auch als „Wartburg des Westens“. Letzteren Begriff prägte der Mainzer lehrstuhl-Inhaber Martin Schmidt in den 1970er Jahren für die „Beinahe-Luther-Stätte“8)Vgl. Schäufele, Wolf-Friedrich: „Herberge der Gerechtigkeit“ oder „Wartburg des Westens“? Die Ebernburg in Luthers Tischreden. In: Blätter für pfälzische Kulturgeschichte und religiöse Volkskunde 79 (2002). S. 609-616., hier S. 610..

Sickingens Einladung überbrachte 1521 der kaiserliche Beichtvater Glapion, als sich Luther auf seinem Weg nach Worms in Oppenheim aufhielt. Luther schlug zu der Zeit aus simplicitas aus, war sich aber 1540 sicher, dass es sich um eine „vergiftete Einladung“ Glapions gehandelt habe, um ihn von dem öffentlichkeitswirksamen Auftritt in Worms abzubringen (Die Forschung ist sich bislang uneins, ob Glapion eigene Interessen mit der Überbringung der Einladung bezweckte.)

References   [ + ]

1, 2, 3. Vereinsarchiv MGV 1866 Ockenheim, Protokollbuch 2. S. 39.
4. Hutten in seinem Dialog „bulla vel bullicida“, 1520
5, 7. Vgl. Schäufele, Wolf-Friedrich: „Herberge der Gerechtigkeit“ oder „Wartburg des Westens“? Die Ebernburg in Luthers Tischreden. In: Blätter für pfälzische Kulturgeschichte und religiöse Volkskunde 79 (2002). S. 609-616., hier S. 610.
6. Vgl. Kaufmann, Thomas: Geschichte der Reformation. Frankfurt am Main u.a. 2009. S. 484-485.
8. Vgl. Schäufele, Wolf-Friedrich: „Herberge der Gerechtigkeit“ oder „Wartburg des Westens“? Die Ebernburg in Luthers Tischreden. In: Blätter für pfälzische Kulturgeschichte und religiöse Volkskunde 79 (2002). S. 609-616., hier S. 610.

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