Der Angelbaum in Ockenheim

Hessisches Urkundenbuch III, S. 385-386, #12941)Vor dem Ockenheimer Schultheißen Peter, Marschall des Ockenheimer Burgherrs (zu dieser Zeit vermutlich Emmerich von Ockenheim) und den Schöffen Heinrich Wingerter, Betholf Keßeler, Peter Schweiz und Peter Schellenberger machen die Binger Bürger, Meister Conrad Glesir dessen Sohn ihren Ewigzins an Herrn Johann, genannt Boltz von Frankfurt, öffentlich bekannt. Für den Ewigzins über 3,5 Pfund geben sie sieben Morgen, drei Zweiteile und fünf Viertel an Weinbergen in Ockenheimer Lagen sowie Haus, Hof und Garten beim Hofe der Mönche von Kloster Eberbach im Rheingau (heute: Mönchhof) als Unterpfand. Das bezeugten miles Herr Simon von Liebenstein, Herr Friedrich Falysin (Anm. in Urkunde: von Leyen) und dessen Sohn Junker Philipp, Herr Werner (Kaplan zu s. Katharinen in Ockenheim), Hentze, genannt Freitag, sowie Heintze Kippil.:

“Allir menlich sal wißin, daz […] in dem dorf zu Ockinheim, gelegin in Mentzer bischtum, vndir dem angilbaume, da man daz gereche des selbis dorfes plegit zu habene“

Der Baum, der in dieser Schenkungsurkunde vom 13. Mai 1357 genannt wird, lässt sich in Ockenheim lokalisieren.

Er hatte seinen Namen von der Bezeichnung Anger/Angel (von althochdeutsch „angar“) für einen trockenen, umfriedeten, hoch und nach Curschmann nahe der oberen Dorfpforte gelegenen Grasplatz, der sich häufig bei einer Wegkreuzung oder -gabelung befand und möglicherweise vorher Teil der Allmende (= Fest-, Gerichts- und Versammlungsplatz) war.3)Zernecke merkt an, dass nicht alle Faktoren übereinstimmen müssen, um die Lage eines Angelbaums zu identifizieren, sondern es sich vielmehr um die bildhafte, poetische Beschreibung eines „locus amoenus“ handelt. Vgl. Zernecke, S. 51. Angelbäume finden sich in Rheinhessen vor allem bei dem Fluß Selz zwischen Bechtolsheim und Sörgenloch, aber in den nahe gelegenen Dörfern Ober-Hilbersheim und eben Ockenheim.
Der Angelbaum ist eine Ulme, auch Effe oder Rüster genannt, wobei Curschmann in Betracht zieht, dass die Bezeichnung Effe bzw. Ulme ein Lehnwort von „ulmus effusa“ sei, sich auf Mulch berufend. „Ulmus effusa“ bezeichnet demnach allgemein Blumen und Sträucher mit rötlichem Holt, so beispielsweise auch Eibe und Traube.
Die Funktion des Angelbaumes ist dagegen umstritten, vermutlich ist sie vielschichtig. Oft wird die „Schutzfunktion“ des Angerbaumes genannt, bei der es sich vordergründig jedoch nicht um einen Kultus, um einen Schutzzauber, handelt, sondern vielmehr um die Bewachung der Umgebung handelt. Christmann geht näher auf die Funktion der Angerbäume als Wachtbäume ein, von deren Baumkronen nahende Feinde frühzeitig gesehen und auf diese Weise das Dorf geschützt werden konnte.
In Ockenheim wird eine weitere Funktion des Angerbaums angesprochen, eine Funktion, die sich in den anderen Dörfern nicht wiederholt: Bei ihm wurde Gericht gehalten. Das Ockenheimer Gericht soll an der Stelle des heutigen Friedhofs sich befunden haben, an einer Stelle, an der sich mehrere Straße bündelten, deutlich auf dem Mascop-Plan zu sehen. Außerhalb des Ortes, Richtung Gau-Algesheim, befindet sich zudem das „Scharfe Gericht“.
Kurzer Sprung: Synonyme für die Funktion des Angerbaums sind Heierbäume und Sporbaum2)Vgl. Lindenschmit, W./Lindenschmit, L.: Das germanische Todtenlager bei Selzen in der Provinz Rheinhessen. Mainz 1848. S. 2. Anm. 5. (oder Sperberbaum / Speierling, wie er in der hiesigen Region genannt wird). Und in Ockenheim befindet sich die Flur „Am speire Baum“ und gibt mutmaßlich die Lage des 1357 erwähnten Angelbaums wider. Sie befindet sich am Hockenmühlweg und damit an der Grenze zur 1338 angelegten Zollstation entlang dem Geleitweg von Mainz nach Trier. Mutmaßlich auf der Hügelkuppe, dem Ausläufer des so genannten „Hörnchen“, von der man einen weiten Blick über den Rhein in den Rheingau, ins Naheland und bis mindestens Ingelheim hat und die ihren Namen wegen der vielen seit Jahrhunderten wildwachsenenden Speierlinge bekam.4)Diese Stelle bevorzuge ich dem „Angelborn“, einem Brunnen beim ehemaligen Schwesternhaus bzw. Merzschen Garten, vgl. Olschowka, Historisches Ockenheim I. S. 49 bzw. 89, von der aus man nicht in das Naheland blicken kann und auch nicht den weiten Blick entlang des Rheines hat. „Am speire Baum“ liegt etwas außerhalb des aktuellen Wohngebietes und etwa einen knappen halben Kilometer oberhalb der obersten Dorfpforte („Kreuznacher Pforte“) auf der Höhe der Bergstraße. Am „speire Baum“ liegt auch die Flur „Auf dem Kreuz“, die tatsächlich an einer Wegekreuzung liegt: An ihr kreuzt ein Weg vom Jakobsberg über die Kuppel den Hockenmühlweg. Mag sein, dass diese Wegekreuzung der Flur ihren Namen gab oder der Hügelrücken umgangssprachlich zu Kreuz wurde. Tatsächlich wäre aber die für den „locus amoenus“ erforderliche Wegekreuzung in Ockenheim vorhanden. Warum 1357 am Angelbaum/speire Baum Gericht gehalten wurde und nicht am üblichen Thingplatz an der damaligen Pfarrkirche/am heutigen Friedhof lässt nur Mutmaßungen zu. Vielleicht wurde der Gerichtsplatz nach der Vertauschung an das Mainzer Mariengredenstift verlegt.

 

Einführende Literatur zu Angelbäumen:

  • Zernecke, Wolf-Dietrich: Die Siedlungs- und Flurnamen rheinhessischer Gemeinden zwischen Mainz und Worms. Ein Namenbuch (= Mainzer Studien zur Sprach- und Volksforschung 16). Stuttgart 1991. S. 50-52.
  • Curschmann, Dieter: Die Angelbäume in Rheinhessen. In: Mitteilungsblatt zur rheinhessischen Landeskunde 14 (1965). 27-83.
  • Christmann; Ernst: Von Angel- und Heierbäumen, Wacht-, Wart- und Hüttenbäumen. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 112 (1964). S. 517-520.
Cite this article as: Petra Tabarelli: "Der Angelbaum in Ockenheim". In: petra-tabarelli.de. URL: http://petra-tabarelli.de/der-angelbaum-in-ockenheim/ (Letzter Zugriff: 29. März 2017).

References   [ + ]

1. Vor dem Ockenheimer Schultheißen Peter, Marschall des Ockenheimer Burgherrs (zu dieser Zeit vermutlich Emmerich von Ockenheim) und den Schöffen Heinrich Wingerter, Betholf Keßeler, Peter Schweiz und Peter Schellenberger machen die Binger Bürger, Meister Conrad Glesir dessen Sohn ihren Ewigzins an Herrn Johann, genannt Boltz von Frankfurt, öffentlich bekannt. Für den Ewigzins über 3,5 Pfund geben sie sieben Morgen, drei Zweiteile und fünf Viertel an Weinbergen in Ockenheimer Lagen sowie Haus, Hof und Garten beim Hofe der Mönche von Kloster Eberbach im Rheingau (heute: Mönchhof) als Unterpfand. Das bezeugten miles Herr Simon von Liebenstein, Herr Friedrich Falysin (Anm. in Urkunde: von Leyen) und dessen Sohn Junker Philipp, Herr Werner (Kaplan zu s. Katharinen in Ockenheim), Hentze, genannt Freitag, sowie Heintze Kippil.
2. Vgl. Lindenschmit, W./Lindenschmit, L.: Das germanische Todtenlager bei Selzen in der Provinz Rheinhessen. Mainz 1848. S. 2. Anm. 5.
3. Zernecke merkt an, dass nicht alle Faktoren übereinstimmen müssen, um die Lage eines Angelbaums zu identifizieren, sondern es sich vielmehr um die bildhafte, poetische Beschreibung eines „locus amoenus“ handelt. Vgl. Zernecke, S. 51.
4. Diese Stelle bevorzuge ich dem „Angelborn“, einem Brunnen beim ehemaligen Schwesternhaus bzw. Merzschen Garten, vgl. Olschowka, Historisches Ockenheim I. S. 49 bzw. 89, von der aus man nicht in das Naheland blicken kann und auch nicht den weiten Blick entlang des Rheines hat.

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